Open-Source-ERP fürs Handwerk: günstig, datensouverän – aber für wen?
In unserem Handwerkersoftware-Vergleich ging es um die klassischen Branchenlösungen. Daneben stehen die großen kommerziellen ERP-Systeme, die viel können, für einen Handwerksbetrieb aber oft teuer und überdimensioniert sind. Und es gibt einen dritten Weg, den die wenigsten auf dem Schirm haben: generalistische, quelloffene ERP-Systeme. Sie sind nicht speziell fürs Handwerk gebaut, dafür flexibel, unabhängig von einem einzelnen Hersteller und im Kern oft kostenlos – gerade für kleine und mittelständische Betriebe eine attraktive Option. Wichtig ist nur, realistisch zu wissen, was sie ab Werk können und wo ein Partner ins Spiel kommt. Genau das ordnen wir hier ein.
Was heißt „Open Source" – und was nicht?
Open Source bedeutet schlicht: Der Programmcode ist offen und darf frei genutzt, gehostet und angepasst werden. Ihr seid an keinen Hersteller gebunden und könnt die Software auf einem eigenen Server betreiben. Das ist der Kern des Datenhoheits-Arguments.
Ein verbreitetes Missverständnis gleich vorweg: Diese Systeme sind kein leerer Baukasten, den man erst mühsam zusammenschrauben muss. Das Grundsystem läuft sofort, ist schnell eingerichtet, im Kern kostenlos und deckt die typischen kaufmännischen Abläufe – Angebote, Rechnungen, Kunden, Projekte, oft Lager – von Haus aus ab. Für viele Betriebe reichen diese Standardfunktionen schon, teils ergänzt um fertige Add-ons aus dem jeweiligen App-Store.
Erst wenn ihr wirklich handwerksspezifische Prozesse braucht, kommt Anpassung ins Spiel – und genau das ist der eigentliche Vorteil: Ihr baut die Software nach eurem Bedarf, statt euch nach starren Hersteller-Vorgaben zu richten. Wo eine schlanke Branchenlösung wie plancraft bewusst wenig Individualisierung erlaubt, lässt sich ein offenes System frei erweitern – zugeschnitten auf euren Betrieb, gern auch angelehnt an gute Funktionen, die ihr aus anderen Programmen kennt.
Kostenlos oder nicht? Die drei Systeme ehrlich getrennt
„Open Source" heißt nicht automatisch „alles gratis". Was frei ist und was Geld kostet, ist bei jedem der drei Systeme anders.
Odoo
Odoo ist ein modulares Business-System mit Hunderten Apps, von Angebot und Lager bis Field Service – funktional das breiteste der drei und am ehesten „rund" für Deutschland. Gratis sind die selbst gehostete Community-Edition und der „One App Free"-Plan (genau eine App, unbegrenzte Nutzer). Wer mehrere Apps in der Cloud nutzt, wechselt in die kostenpflichtige Enterprise-Edition mit Preis pro Nutzer (Größenordnung 20 bis 37 Euro pro Nutzer und Monat). Eine deutsche Lokalisierung und E-Rechnung (XRechnung und Factur-X) sind an Bord, viele Komfortfunktionen liegen in Enterprise. Unterm Strich ist Odoo der bequemste Einstieg der drei – dafür steigen die Kosten mit Team und Funktionsbedarf.
✓Passt besonders für: Betriebe, die ein breites, wachsendes System wollen und mit Kosten pro Nutzer leben können – die ausgereifteste der drei Optionen.
Dolibarr
Dolibarr ist die schlanke, komplett quelloffene Lösung im Feld: selbst gehostet vollständig kostenlos, mit einem klaren, unkomplizierten Funktionsumfang für die kaufmännischen Basics und einem eingebauten Modul-Baukasten für Erweiterungen. Geld kosten nur betreutes Hosting (DoliCloud), einzelne Zusatzmodule und Support. Für Deutschland gilt: E-Rechnung und DATEV-Export kommen als Zusatzmodule dazu, und die deutsche Buchhaltung braucht etwas Nacharbeit – dafür bleibt das System leichtgewichtig und günstig. Ein guter Startpunkt, wenn man klein anfängt und gezielt ergänzt.
✓Passt besonders für: kleine Betriebe, die eine wirklich kostenlose, einfache Basis selbst betreiben und die deutschen Bausteine gezielt ergänzen wollen.
ERPNext
ERPNext ist das konsequenteste Gratis-Modell: hundert Prozent quelloffen, ohne kostenpflichtige Premium-Funktionen, und weil der Preis nicht an der Nutzerzahl hängt, skaliert es auch mit größeren Teams günstig. Bezahlt wird nur optionales Hosting (Frappe Cloud) und Dienstleistung. Die deutsche Lokalisierung – Kontenrahmen, DATEV, E-Rechnung – bringt man über Community-Erweiterungen dazu, und für den Außendienst gibt es zwar kein offizielles Field-Service-Produkt, dafür ein eingebautes Wartungs-Modul sowie eine quelloffene Field-Service-App aus der Community. Das meiste ist also vorhanden, wird aber eher zusammengestellt als schlüsselfertig geliefert.
✓Passt besonders für: Betriebe mit vielen Nutzern (der Preis hängt nicht an der Kopfzahl) und dem Willen, Lokalisierung und Betrieb mit einem Partner aufzubauen.
Datenhoheit und Hosting: der eigentliche Reiz
Alle drei Systeme lassen sich selbst hosten, zum Beispiel auf einem Server in Deutschland. Damit habt ihr die volle Kontrolle über eure Daten und maximale DSGVO-Sicherheit. Alternativ gibt es betreute Cloud-Angebote der Anbieter – bequemer, aber dann nicht mehr kostenlos, und der Rechenzentrums-Standort will geprüft sein. Wer Datenhoheit wirklich ernst nimmt, hostet selbst oder lässt es bei einem vertrauenswürdigen Partner in Deutschland betreiben. Genau an dieser Stelle kommen wir ins Spiel.
Wo die Grenze zur deutschen Fachsoftware verläuft
Hier trennt sich der Generalist von der deutschen Fachsoftware, und das gehört ehrlich gesagt: Klassische Handwerks-, Bau- und Großhandels-Schnittstellen wie GAEB, Datanorm und IDS-Connect sowie das Aufmaß fehlen bei allen drei Systemen von Haus aus. Bei der E-Rechnung ist nur Odoo nativ dabei; Dolibarr und ERPNext brauchen dafür ein Zusatzmodul beziehungsweise eine Community-Erweiterung. Und die deutsche Buchhaltungs-Lokalisierung (Kontenrahmen SKR03/04, DATEV) ist nur bei Odoo wirklich rund, bei den anderen beiden Handarbeit. Das ist der reale Unterschied zu einer fertigen deutschen Handwerkssoftware – und zugleich genau die Lücke, die sich mit fertigen Erweiterungen oder einem Partner schließen lässt.
Kundendienst & Wartung (Field Service): die konkrete Lage
Für wartungslastige Gewerke ist der Blick aufs Field-Service-Management (FSM) wichtig – und da unterscheiden sich die drei deutlich:
- Odoo hat ein echtes Field-Service-Modul (Vor-Ort-Zeiten, Ersatzteile, Arbeitsberichte mit Unterschrift, Mobile-App) plus eine separate Wartungs-App. Es steckt in der Enterprise-Edition, eine einzelne App gibt es aber auch im „One App Free"-Plan. Das ist das ausgereifteste FSM der drei.
- Dolibarr bringt ein natives Interventions-Modul mit: Einsätze anlegen, abzeichnen, fakturieren, als PDF ausgeben, auch wiederkehrend. Eine solide Basis für einfache Serviceeinsätze, aber kein spezialisiertes FSM mit Disposition und Tourenplanung.
- ERPNext hat kein offizielles Field-Service-Produkt. Es gibt ein eingebautes Wartungs-Modul (Wartungspläne, Serviceeinsätze, Garantie) und eine kostenlose Community-App mit Terminplanung. Wer „ERPNext FSM" hört, meint also entweder das Built-in-Modul, eine Community-App oder eine partner-gebaute Lösung – kein Standardprodukt.
Unser Ansatz: Partner für Einrichtung und eigene Module
Genau die fehlenden Handwerks-Funktionen sind der Punkt, an dem ein Partner den Unterschied macht. Alle drei Systeme sind gezielt erweiterbar – über App-Frameworks und Module lassen sich Aufmaß, eine GAEB-Anbindung oder branchenspezifische Abläufe als individuelle Module nachrüsten. Das ist kein Kaufhaken beim Hersteller, sondern eine Entwicklungsleistung: Wir richten das System ein, hosten es bei Bedarf datensouverän in Deutschland, bauen die fehlenden Bausteine und betreuen den laufenden Betrieb. So wird aus einem generischen Baukasten eine Lösung, die genau zu eurem Betrieb passt.
Was ihr realistisch einplanen solltet
- Keine nativen Handwerks-Features – Aufmaß, GAEB, Datanorm und IDS müssen zugekauft oder gebaut werden.
- Deutsche Lokalisierung ist Arbeit – bei Dolibarr und ERPNext teils Community-Flickwerk; deutsches Steuer- und Buchhaltungsrecht kommt nicht „out of the box".
- Betriebsverantwortung – Selbst-Hosting heißt Server, Updates, Backups und Sicherheit selbst organisieren, oder über einen Partner.
- Support – keine klassische deutsche Hersteller-Hotline; Unterstützung kommt von Partner oder Community.
- Kostenschleichen bei Odoo – der Enterprise-Preis pro Nutzer plus Einrichtung kann am Ende teurer werden als gedacht.
Für welchen Betrieb ist das ein Thema?
Der Open-Source-Weg passt, wenn Datenhoheit und Selbst-Hosting wichtig sind, wenn euer Betrieb ohnehin besondere Prozesse hat, die kein Standardprodukt abbildet, wenn ein Partner die Einrichtung und Erweiterung übernimmt oder wenn ihr mit vielen Nutzern günstig skalieren wollt (bei ERPNext hängt der Preis nicht an der Kopfzahl). Er passt eher nicht, wenn ihr schnell eine schlüsselfertige deutsche Handwerkslösung mit Aufmaß, GAEB, Datanorm und deutschem Hersteller-Support braucht – dann ist die klassische Fachsoftware der direktere Weg.
Interessiert euch der datensouveräne Weg?
Wir prüfen unabhängig, ob ein Open-Source-ERP zu euch passt, richten es ein und bauen die fehlenden Handwerks-Bausteine. Zum Festpreis, ohne Abo.
Zur Software-BeratungFazit
Open-Source-ERP ist kein Zaubermittel und kein fertiges Handwerksprogramm – aber für den richtigen Betrieb ein starkes Angebot: unabhängig, datensouverän und beliebig erweiterbar. Der Kostenvorteil liegt in der freien Lizenz, der Aufwand in Einrichtung, Lokalisierung und Betrieb. Wer diesen Weg gehen will, sollte ihn mit einem Partner gehen, der die Technik und das Handwerk kennt. Ob sich das für euch rechnet, klären wir am ehrlichsten in einer unabhängigen Beratung – und wer zuerst den Überblick über die klassischen Lösungen sucht, findet ihn im Handwerkersoftware-Vergleich.
Häufige Fragen
Ist Open-Source-ERP wirklich kostenlos?
Die Lizenz ist bei allen drei Systemen der günstige Teil – oft könnt ihr sie selbst gehostet kostenlos nutzen. Geld kosten dagegen Hosting, die deutsche Lokalisierung, einzelne Zusatzmodule, die Einrichtung und der laufende Betrieb. Gratis-Software heißt also nicht gratis-Betrieb.
Kann man Odoo oder ERPNext fürs Handwerk nutzen?
Ja, aber sie sind nicht speziell fürs Handwerk gebaut. Klassische Handwerks- und Bau-Schnittstellen wie GAEB, Datanorm, IDS-Connect und Aufmaß fehlen bei allen drei nativ und müssen ergänzt oder mit einem Partner gebaut werden.
Was bedeutet Datenhoheit bei Open-Source-ERP?
Weil der Quellcode offen ist, könnt ihr das System auf einem eigenen oder gemieteten Server selbst betreiben. Damit behaltet ihr die volle Kontrolle über eure Daten und seid an keinen einzelnen Hersteller gebunden.
Hat ERPNext ein Field-Service- oder Wartungs-Modul?
Ein offizielles Field-Service-Produkt gibt es bei ERPNext nicht. Es gibt ein eingebautes Wartungs-Modul, eine kostenlose Community-App für Field Service oder eine partner-gebaute Lösung. Odoo hat dagegen ein echtes Field-Service-Modul in der Enterprise-Edition.
Für wen lohnt sich Open-Source-ERP im Handwerk?
Für Betriebe, denen Datenhoheit wichtig ist, die ungewöhnliche Prozesse haben, die kein Standardprodukt abbildet, und die einen Partner für Einrichtung und Erweiterung haben. Weniger geeignet ist es, wenn ihr schnell eine schlüsselfertige deutsche Handwerkslösung mit Aufmaß, GAEB und Hersteller-Support braucht.